Der Cloud-Markt funktioniert nicht im öffentlichen Interesse: Drei Konzerne kontrollieren 60–80 % der Infrastruktur, hohe Wechselkosten verhindern Wettbewerb und die Bündelung von Diensten verstärkt die Abhängigkeit. IDED legte sechs konkrete Regulierungsmaßnahmen vor.
Cloud-Infrastruktur hat die Art und Weise, wie Organisationen arbeiten und Regierungen öffentliche Dienste erbringen, grundlegend verändert. Die Migration in die Cloud gilt oft als unverzichtbar für die digitale Transformation — doch ist das derzeit vorherrschende Modell wirklich der beste Weg in eine nachhaltige Zukunft? Und kann es in seiner aktuellen, unregulierten Form neue wirtschaftliche Chancen eröffnen und die Gesellschaft dabei unterstützen, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?
Die britische Regulierungsbehörde Ofcom, die für die Aufsicht über den Sektor zuständig ist, untersucht derzeit den Cloud-Services-Markt. In ihrem Zwischenbericht stellte die Behörde fest, dass der Markt trotz einzelner Wettbewerbsanzeichen nicht gut funktioniert.
Infolgedessen empfahl Ofcom eine weitergehende Untersuchung durch die britische Wettbewerbs- und Marktaufsichtsbehörde (CMA) im Rahmen eines öffentlichen Konsultationsverfahrens.
Die Sustainable Digital Infrastructure Alliance (SDIA) reichte am 17. Mai 2023 eine umfassende Stellungnahme ein, die Anmerkungen zum Bericht selbst, einen Taxonomy Guide on Digital Infrastructure, ein Positionspapier zur Regulierung öffentlicher Cloud-Anbieter sowie das zuvor veröffentlichte Whitepaper zum Aufbau einer europäischen Cloud umfasst.
Können neue Anbieter in den Cloud-Infrastrukturmarkt eintreten?
Cloud-Infrastrukturdienste werden von drei Konzernen dominiert, den sogenannten „Hyperscalern". Microsoft und Amazon kontrollieren zusammen 60–70 % des Marktes, Google hält einen Anteil von 5–10 %.
On-Demand und immer verfügbar: Das aktuelle Modell
„Pay-as-you-go" ist heute das Standardmodell für Cloud-Dienste und hat das frühere System monatlicher oder jährlicher Verträge abgelöst. Dieses Modell setzt jedoch massive Überbereitstellung voraus: Die Kapazität muss immer dann verfügbar sein, wenn Kunden sie benötigen — und das erfordert großangelegte Infrastrukturinvestitionen.
Während Rechenzentren selbst eine vergleichsweise lange Nutzungsdauer haben, gilt das für die darin betriebene Hardware nicht. Speicher- und Rechenausrüstung muss alle zwei bis drei Jahre erneuert werden. Rechenzentren gelten zwar als attraktive Investition, die Finanzierung der Ausrüstung im Inneren über klassische Investoren und Kredite ist jedoch schwieriger.
An dieser Stelle kommen vertikal integrierte Technologieunternehmen ins Spiel.
Diese Konzerne können die Gewinne aus anderen Geschäftsbereichen nutzen, um den kontinuierlichen Technologieupgrade zu finanzieren, der für den Betrieb des digitalen Versorgungsdienstleistung erforderlich ist — Datenspeicherung und -verarbeitung. Bei Microsoft ist es die Softwarelizenzierung, bei Amazon der E-Commerce und bei Google die Werbeeinnahmen.
Die Investition lohnt sich: Im ersten Quartal 2022 erwirtschaftete Amazon Web Services nahezu den gesamten Amazon-Konzerngewinn von 6,5 Milliarden US-Dollar.
Begrenzt dieses Modell den Wettbewerb?
Wie SDIA in ihrer Stellungnahme an Ofcom festhält:
„Ohne die vertikale Integration wäre es wirtschaftlich nicht realisierbar, eine so umfangreiche digitale Ressourceninfrastruktur wie die heutige aufzubauen."
Das aktuelle Modell erschwert den Markteintritt neuer Anbieter, die Marktausweitung und den Wettbewerb.
Erhöht das Verhalten der Marktführer die Wechselhürden?
Dies ist eine der zentralen Fragen des Ofcom-Berichts. Explizit genannt werden Egress-Gebühren als potenzielles Problem.
IDED teilt diese Einschätzung, sieht aber auch in der Bündelung von digitalen Ressourcen mit Softwaredienstleistungen („Cloud Services") eine wesentliche Verschärfung des Problems.
Hohe Egress-Gebühren verhindern den Anbieterwechsel
Kunden zahlen Egress-Gebühren, wenn sie ihre Daten aus einer Cloud herausbewegen.
Ob Daten auf eine Plattform übertragen oder von ihr abgezogen werden — die tatsächlichen Kosten für den Cloud-Anbieter sind gleich. Dennoch gibt es erhebliche Unterschiede bei den Kundentarifen: Der Datentransfer von der Plattform weg ist deutlich teurer und wirkt wie eine „Exportsteuer".
Das Ergebnis: Daten werden faktisch an eine Plattform gebunden.
Service-Bündelung verschärft das Problem
Software wird zusammen mit den Cloud-Ressourcen des Anbieters in einem „Paket" gebündelt. Diese Software kann von einem unabhängigen Softwareanbieter (ISV) stammen oder aus der Open-Source-Community. Einmal mit den Cloud-Ressourcen gebündelt, lässt sie sich jedoch nicht auf eine andere Cloud übertragen. „Bündelung" führt zur Kundenbindung.
Langfristig könnten ISVs in einer Situation enden, die dem App Store von Apple ähnelt — mit hohen Gebühren an Hyperscaler für den Zugang zu neuen Kunden.
Die langfristige Entwicklung: Erst gebunden, dann besteuert
Der Ofcom-Bericht stellt fest:
„Wir befürchten, dass das Wettbewerbsniveau langfristig weiter sinken könnte."
IDED teilt diese Sorge: Alle drei großen Public-Cloud-Anbieter bieten neuen Kunden Credits im Wert von 20.000 bis 100.000 US-Dollar. Sind Unternehmen erst einmal eingebunden, geben Tech-Start-ups nicht selten bis zu 50 % ihrer Betriebskosten für Cloud-Plattformen aus (vgl. diese Analyse von Andreessen Horowitz).
Das macht sie abhängig von Cloud-Anbietern, die zugleich den Großteil der von Start-ups geschaffenen Gewinnmarge abschöpfen. Diese Marge könnte in weitere Innovation oder in Arbeitsplätze investiert werden — stattdessen fließt sie als De-facto-Cloud-Steuer an wenige globale Konzerne.
Das Risiko besteht darin, dass
„auf Basis des aktuellen unregulierten Modells für Cloud-Dienste das wahrscheinlichste Ergebnis ist, dass nahezu alle privaten und öffentlichen IKT-Plattformen für Rechenleistung, Speicher und Verarbeitung sowie ein Großteil der Softwareanwendungen bei nur einem von drei Unternehmen landen werden."
Welche Alternative gibt es?
In ihrer Stellungnahme empfiehlt IDED sechs Maßnahmen:
Zwang zur Trennung von digitaler Ressourceninfrastruktur und digitalem Plattformgeschäft (z. B. von Werbung, Suchmaschinen oder E-Commerce). Alternativ: Schaffung eines regulatorischen Rahmens analog zur Telekommunikationsregulierung.
Schaffung eines öffentlichen Marktes für digitale Ressourcen.
Einschränkung der Bündelung von Cloud-Diensten mit digitalen Ressourcen.
Abschaffung oder Einschränkung von Egress-Gebühren für Daten, die eine Cloud-Plattform verlassen.
Einschränkung des Einsatzes von Rabatten und Credits.
Einführung von Transparenzpflichten für Eigentümerschaft, Nutzung und Tarife aller IKT-Infrastruktur, die als „Kritische Informationsinfrastruktur" gilt oder das Potenzial dazu hat.
Ofcom plant, seinen Abschlussbericht bis zum 5. Oktober 2023 zu veröffentlichen.