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Rechenzentren im europäischen Stromsystem: Flexibilitätspotenzial über lokale Märkte aktivieren

Rechenzentren im europäischen Stromsystem: Flexibilitätspotenzial über lokale Märkte aktivieren

EPEX SPOT und IDED (damals als SDIA bekannt) fordern in einem gemeinsamen Whitepaper die großflächige Aktivierung des bisher ungenutzten Flexibilitätspotenzials von Rechenzentren über lokale Flexibilitätsmärkte. Aktuelle Schätzungen beziffern das Potenzial auf über 10 GW Demand-Response im europäischen Stromsystem bis 2030.

EPEX SPOT und IDED (damals als SDIA bekannt) fordern in einem gemeinsamen Whitepaper die großflächige Aktivierung des bisher ungenutzten Flexibilitätspotenzials von Rechenzentren — über lokale Flexibilitätsmärkte.

Das ungenutzte Potenzial der Rechenzentren

Mit der Transformation des Stromsystems hin zu einer dezentralen und dekarbonisierten Struktur entstehen für Netzbetreiber neue Herausforderungen. Um Netzengpässe auf allen Netzebenen zu bewältigen, greifen sie auf kostspielige Redispatch-Maßnahmen zurück, die mitunter dazu führen, dass Erneuerbare-Energien-Anlagen abgeregelt werden müssen.

Aktuelle Schätzungen beziffern das theoretische Demand-Response-Potenzial von Rechenzentren auf 38 bis 80 % der installierten Leistung im Jahr 2030 — das entspricht einer Flexibilitätsquelle von über 10 GW im europäischen Stromsystem. Hinzu kommt: Der hohe Automatisierungsgrad von Rechenzentren ermöglicht eine präzise Echtzeitsteuerung des Stromverbrauchs. Innerhalb von nur 15 Minuten kann der Verbrauch um bis zu 10 % gesenkt werden, ohne den IT-Betrieb wesentlich zu beeinträchtigen. Typische Workloads lassen sich zudem problemlos zeitlich verschieben. Rechenzentren sind damit eine optimale Flexibilitätsquelle für das künftige Energiesystem — doch ohne lokale Flexibilitätsmärkte bleibt dieses Potenzial ungenutzt.

Lokale Flexibilitätsmärkte als Schlüssel

Derzeit fehlen sowohl Anreize zur Investition in Flexibilitätsressourcen als auch Mechanismen, mit denen Anbieter ihre Dienste an Systemoperatoren verkaufen könnten. Lokale Flexibilitätsmärkte würden dieses Marktversagen beheben: Anbieter wie Rechenzentren könnten ihre Flexibilität anbieten und bepreisen; Systemoperatoren könnten physische Netzengpässe zuverlässig und wirtschaftlich nahezu in Echtzeit abbauen.

„Gemeinsam mit SDIA fordern wir Regulatoren und Systemoperatoren auf, einen wirtschaftlichen Rahmen oder ein Pilotprogramm zu schaffen, in dem lokale Flexibilitätsmärkte erprobt, reguliert und optimiert werden können — bevor sie flächendeckend eingeführt werden. Nur marktbasierte Mechanismen können ein sinnvolles Preissignal für Netzengpässe erzeugen und damit die effiziente Integration von Demand-Side-Flexibilität in das System ermöglichen." — Philippe Vassilopoulos, Director of Product Development bei EPEX SPOT

„Rechenzentren sind eine schnell wachsende und energiehungrige Branche. Wir haben die einmalige Chance, sie während ihrer Hauptexpansionsphase in das Energiesystem zu integrieren — indem wir ihnen die Teilnahme an Flexibilitätsmärkten ermöglichen. Andere Branchen holen noch auf, während Rechenzentren diese Chance jetzt vor sich haben." — Max Schulze, Vorstandsvorsitzender der SDIA

Die Aktivierung von Rechenzentrumsflexibilität leistet einen Beitrag zur Dekarbonisierung, entlastet das Stromnetz, fördert neue Technologien, treibt die Sektorintegration voran, erschließt neue Flexibilitätsquellen und senkt die Kosten der Energiewende für Endverbraucher.